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Die Kernkraft-Debatte in Deutschland: Eine sachliche Analyse

Die Kernkraft-Debatte in Deutschland

Diskussion um Atomkraft in Deutschland

Die Diskussion um Kernkraft in Deutschland wird häufig emotional und politisch aufgeladen geführt. Hinter den oft verhärteten Fronten der Befürworter und Gegner verbergen sich jedoch komplexe technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Faktoren, die eine differenzierte Betrachtung erfordern. Dieser Artikel bietet eine sachliche Analyse der verschiedenen Aspekte der Kernkraft und des deutschen Atomausstiegs, basierend auf technischen und wirtschaftlichen Daten.

Der politische Weg zum Atomausstieg

Der deutsche Atomausstieg stellt ein Paradebeispiel für die wechselvolle Energiepolitik der letzten Jahrzehnte dar. Was oft als grünes Prestigeprojekt dargestellt wird, war tatsächlich ein komplexes politisches Unterfangen, an dem Regierungen verschiedener Couleur beteiligt waren.

Die erste Weichenstellung erfolgte im Jahr 2002, als die rot-grüne Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder den Atomausstieg beschloss. Diese Entscheidung beinhaltete ein Neubauverbot für Atomkraftwerke und eine Laufzeitbegrenzung der damals 19 aktiven AKWs auf 32 Jahre. Infolgedessen wurden zwei Kernkraftwerke bereits 2003 und 2005 abgeschaltet.

Eine bedeutende Kurskorrektur erfolgte 2010 unter der schwarz-gelben Koalition von Angela Merkel. Die CDU/CSU/FDP-Regierung stufte die Atomenergie als notwendige „Brückentechnologie“ ein und verlängerte die Laufzeiten der verbliebenen Kraftwerke um durchschnittlich 12 Jahre. Das grundsätzliche Neubauverbot und damit der langfristige Atomausstieg blieben jedoch bestehen.

Die Nuklearkatastrophe von Fukushima am 11. März 2011 veränderte die politische Landschaft grundlegend. Nur drei Tage nach dem Unglück reagierte die deutsche Regierung mit drastischen Maßnahmen: Umfassende Stresstests wurden für alle Kernkraftwerke angeordnet, und alle bis 1980 gebauten Reaktoren wurden vorübergehend heruntergefahren. Am 6. August 2011 wurde das Atomgesetz durch einen parteiübergreifenden Konsens im Bundestag geändert – ein seltenes Beispiel politischer Einigkeit zwischen CDU/CSU, FDP, SPD und Grünen. Die Laufzeitverlängerung von 2010 wurde rückgängig gemacht, und acht Kernkraftwerke wurden endgültig abgeschaltet.

In den folgenden Jahren setzte sich der schrittweise Atomausstieg fort: 2015, 2017 und 2019 ging jeweils ein weiteres Kernkraftwerk vom Netz, Ende 2021 folgten drei weitere. Von den ehemals 19 Anlagen blieben 2022 nur noch drei übrig, deren geplante Abschaltung zum Jahresende aufgrund der Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine kurzzeitig verschoben wurde. Am 15. April 2023 endete schließlich die Ära der Kernenergie in Deutschland mit der Abschaltung der letzten drei Kraftwerke.

Dieser historische Abriss verdeutlicht, dass der deutsche Atomausstieg kein spontaner politischer Akt war, sondern das Ergebnis eines über zwei Jahrzehnte andauernden Prozesses mit verschiedenen politischen Akteuren.

Aktuelle politische Positionen zur Kernkraft

Die energiepolitische Debatte in Deutschland bleibt stark polarisiert, insbesondere seit der Energiekrise 2022. Die Positionen der Parteien spiegeln dabei unterschiedliche Grundüberzeugungen wider.

Die CDU/CSU hat keine konkreten Pläne zur Wiederaufnahme von Kernkraftwerken, betrachtet Kernenergie jedoch als mögliche Option für die Erreichung der Klimaziele und zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit. Ihr Fokus liegt auf der Forschung zu neuen Technologien wie Small Modular Reactors (SMRs), Fusionskraftwerken und Kernenergie der vierten und fünften Generation. Bei letzterer ist allerdings kritisch anzumerken, dass selbst Kraftwerke der dritten Generation wie der EPR erst jetzt in Betrieb gehen und Reaktoren der fünften Generation noch Konzeptstudien sind, die Jahrzehnte von der praktischen Anwendung entfernt sein dürften.

ParteiPosition zur Kernkraft
CDU/CSUKeine konkreten Pläne zur Wiederaufnahme, aber Kernenergie wird als mögliche Option betrachtet. Fokus auf Forschung zu neuen Technologien
SPDLehnt Kernenergie weiterhin ab und hält am Atomausstieg fest. Fokus auf Ausbau erneuerbarer Energien
GrüneLehnen eine Rückkehr zur Atomkraft entschieden ab
AfDFordert Rückkehr zu fossilen Energieträgern und Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken. Leugnet den menschengemachten Klimawandel

Die SPD bleibt bei ihrer Ablehnung der Kernenergie und hält am Atomausstieg fest. Stattdessen konzentriert sie sich auf den Ausbau erneuerbarer Energien, effizientes Energiemanagement und die Dekarbonisierung der Industrie.

Die Grünen, für die der Atomausstieg ein identitätsstiftendes Projekt darstellt, lehnen eine Rückkehr zur Kernkraft kategorisch ab und setzen voll auf die Energiewende hin zu erneuerbaren Quellen.

Die AfD nimmt eine Sonderposition ein: Sie fordert einen Stopp des Ausbaus erneuerbarer Energien und die Abschaffung des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG), das sie als „staatliche Planwirtschaft“ bezeichnet. Stattdessen plädiert sie für eine Rückkehr zu fossilen Energieträgern wie Gas, Kohle und Biomasse sowie für eine Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken. Die AfD begründet diese Position mit der Leugnung des menschengemachten Klimawandels – eine Haltung, die im Widerspruch zum wissenschaftlichen Konsens steht.

Internationaler Vergleich: Kein deutscher Sonderweg

In der öffentlichen Debatte wird der deutsche Atomausstieg oft als Sonderweg dargestellt, der im Gegensatz zu internationalen Trends stehe. Eine genauere Betrachtung der weltweiten Nutzung der Kernenergie zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild.

In der Europäischen Union planen einige Länder wie Frankreich, die Niederlande, Tschechien und Polen einen weiteren Ausbau der Kernkraft. Dem stehen jedoch auch Länder gegenüber, die aus der Atomkraft aussteigen wollen, darunter Spanien, die Schweiz und Belgien. Vollständig ausgestiegen sind neben Deutschland bisher nur Italien, das bereits 1986 nach der Katastrophe von Tschernobyl diese Entscheidung traf. Zudem gibt es EU-Länder wie Luxemburg, Dänemark, Österreich und Irland, die nie auf Kernkraft gesetzt haben.

Aktuell betreiben nur etwa 12 von 27 EU-Ländern Kernkraftwerke – weniger als die Hälfte. Global ist das Bild noch eindeutiger: Nur 32 von 195 Staaten weltweit (16,4%) nutzen Kernenergie zur Stromerzeugung. Die insgesamt 416 Reaktoren konzentrieren sich auf wenige Länder, während der Großteil der Welt andere Energiequellen nutzt.

Die weltweite Entwicklung der nuklearen Stromerzeugung zeigt einen Anstieg in asiatischen Ländern, während sie im Rest der Welt eher stagniert oder sogar zurückgeht. Selbst in China, das aufgrund seiner enormen Bevölkerung und seines Wirtschaftswachstums einen außergewöhnlich hohen Energiebedarf hat, macht Kernkraft nur etwa 5% der Stromerzeugung aus. Parallel investiert China massiv in erneuerbare Energien.

Ein interessantes Beispiel bieten die Vereinigten Arabischen Emirate, die aktuell auf eine Mischung aus Kernenergie und erneuerbaren Energien setzen – nicht nur wegen des steigenden Energiebedarfs, sondern auch, um sich unabhängiger von Öl und Gas zu machen.

Diese weltweite Vielfalt verdeutlicht, dass jedes Land seine Energiepolitik nach eigenen Kriterien und Voraussetzungen gestaltet. Historische Entwicklungen, geografische Gegebenheiten, politische Prioritäten und internationale Verflechtungen spielen dabei eine entscheidende Rolle. Pauschale Bewertungen, wie sie oft in Medien und Politik zu finden sind, werden dieser Komplexität nicht gerecht.

Vereinbarkeit von Kernkraft und erneuerbaren Energien

Eine zentrale Frage in der Energiedebatte ist, ob Kernkraft und erneuerbare Energien in einem Energiesystem kompatibel sind oder ob strukturelle Konflikte bestehen. Leonard Probs vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE), Entwickler der Energy Charts, bietet hierzu wertvolle Einblicke.

Probs erläutert, dass der Stromverbrauch in allen europäischen Ländern in den Wintermonaten höher ist, unter anderem weil Strom auch zur Wärmeerzeugung genutzt wird. Dieser Effekt ist in Ländern wie Frankreich, wo viel mit Wärmepumpen oder direkt elektrisch geheizt wird, noch ausgeprägter. Der Kraftwerkspark muss für diese Spitzenlast ausgelegt sein, was bedeutet, dass in den Sommermonaten Überkapazitäten entstehen.

Frankreichs Kernkraftwerke exportieren diese überschüssige Kapazität im Sommer in Nachbarländer, um trotz saisonaler Schwankungen hohe Volllaststunden zu erreichen. Dieses Geschäftsmodell funktioniert jedoch nur, solange nicht alle Länder dieselbe Strategie verfolgen – denn nicht alle können gleichzeitig exportieren.

Mit dem zunehmenden Ausbau der Photovoltaik in fast allen europäischen Ländern wird dieses Modell zunehmend problematisch. Die durch Solarenergie erzeugte Stromspitze im Sommer verringert die Volllaststunden der Kernkraftwerke, was deren Wirtschaftlichkeit gefährdet. Dies ist besonders problematisch für Technologien mit sehr hohen Fixkosten wie die Kernenergie.

Bezüglich des Netzausbaus erläutert Probs, dass der ideale Standort für ein Kernkraftwerk aus netztechnischer Sicht im Zentrum der Verbrauchsregion läge – beispielsweise in der Mitte von Paris für ein französisches AKW. Aus Sicherheitsgründen werden Kernkraftwerke jedoch nicht in unmittelbarer Nähe großer Städte platziert, was einen entsprechenden Netzausbau erfordert. Gaskraftwerke können hingegen näher an Verbrauchszentren gebaut werden und benötigen weniger Netzausbau.

Ein Großteil des aktuell nötigen Netzausbaus in Deutschland resultiert nicht primär aus dem Ausbau erneuerbarer Energien, sondern aus der Elektrifizierung der Sektoren Wärme, Transport und Industrie im Rahmen der Sektorenkopplung. Dadurch entstehen neue Stromverbraucher, für die die Netze entsprechend ausgelegt werden müssen.

Diese Analyse zeigt, dass die Integration von Kernkraft in ein zunehmend auf erneuerbaren Energien basierendes System technisch möglich, aber wirtschaftlich herausfordernd ist. Die zentralistische Struktur der Kernenergie steht im Kontrast zur dezentralen Natur erneuerbarer Energien, was sowohl für die Netzarchitektur als auch für die Wirtschaftlichkeit der Anlagen Konsequenzen hat.

Wirtschaftlichkeit: Die Stromgestehungskosten

Die wirtschaftliche Bewertung der Kernkraft ist ein zentraler, aber auch besonders kontroverser Aspekt der Debatte. Die Stromgestehungskosten (Levelized Cost of Energy, LCOE) bieten einen Vergleichswert für verschiedene Energieträger, indem sie die Kosten für Bau und Betrieb ins Verhältnis zur erzeugten Strommenge über die gesamte Lebensdauer setzen.

Für Kernkraftwerke umfassen diese Kosten neben dem Bau und der Instandhaltung auch die Kosten für die benötigten Rohstoffe, Lohn- und Versicherungskosten, Brennstoffkosten sowie Kosten für den späteren Rückbau und die Entsorgung. Nicht enthalten sind hingegen langfristige Folgekosten wie die Endlagerung oder mögliche Umweltschäden – eine Einschränkung, die allerdings für alle Energieträger gilt.

Laut aktuellen Schätzungen des Fraunhofer ISE (2024) würden die Stromgestehungskosten für ein neu gebautes Atomkraftwerk zwischen 13,6 und 49 Cent pro Kilowattstunde liegen – eine bemerkenswert große Spanne, die die Unsicherheit dieser Berechnungen widerspiegelt. Diese Schwankungen haben mehrere Ursachen:

Erstens hat der Betrachtungszeitpunkt einen erheblichen Einfluss. Die Schätzungen verändern sich mit der Zeit, und die LCOE für Kernkraftwerke sind seit 2010 um über 33% gestiegen, unter anderem aufgrund höherer Löhne und Lieferkettenprobleme.

Zweitens spielen regionale Unterschiede eine wichtige Rolle. Faktoren wie Lohnkosten, gesetzliche Auflagen, Sicherheitsstandards oder der Zugang zu Rohstoffen und Brennstoffen variieren stark zwischen verschiedenen Ländern und Regionen.

Drittens ist die Datengrundlage problematisch, besonders für Deutschland. Aufgrund des Atomausstiegs fehlen aktuelle Vergleichswerte, was Prognosen erschwert. Darüber hinaus ist unklar, wie eine mögliche staatliche Unterstützung, politische Veränderungen oder notwendige Anpassungen des Energiesystems die Kosten beeinflussen würden.

Viertens haben die Bauzeiten einen massiven Einfluss auf die Gesamtkosten. Je nach angenommenem Zinssatz kann zwischen verschiedenen Bauzeitszenarien eine Differenz von über 20 Cent pro Kilowattstunde entstehen.

Fünftens spielen die Volllaststunden eine entscheidende Rolle. Deutsche AKWs erreichten in den letzten Jahren 7.000 bis 8.200 Stunden pro Jahr (80-93% der maximal möglichen 8.760 Stunden). Der weltweite Durchschnitt lag 2023 bei etwa 7.000 Stunden (81,9%), wobei West- und Zentraleuropa eher unter diesem Durchschnitt liegen.

Ein besonders wichtiger Faktor ist die Unterscheidung zwischen neuen und abgeschriebenen Kraftwerken. Nach etwa 30 Jahren, wenn die Investitionskosten ausgeglichen sind, sinken die LCOE erheblich – auf etwa 2,36 Cent/kWh laut einer Schätzung des Bundestags von 2022.

Die große Bandbreite der Schätzungen führt dazu, dass sich Befürworter und Gegner der Kernkraft oft selektiv auf Zahlen beziehen, die ihre Position stützen. Diese als „Cherry-Picking“ bekannte Praxis erschwert eine sachliche Diskussion. Letztlich gibt es nicht „die eine“ Zahl für die Kosten der Kernkraft, und seriöse Bewertungen müssen die Vielzahl der Einflussfaktoren berücksichtigen.

Reaktivierung bestehender Kraftwerke

Nach der endgültigen Abschaltung der letzten drei deutschen Kernkraftwerke im April 2023 wird immer wieder über eine mögliche Reaktivierung diskutiert. Besonders in Bayern, das stark von Kernkraft abhängig war, findet diese Idee Unterstützer. Ministerpräsident Markus Söder hat sich wiederholt für die Reaktivierung des AKW Isar 2 ausgesprochen.

Die Stromerzeugung in Bayern war in den vergangenen Jahren stark von Kernkraft geprägt. Mit dem Wegfall dieser Kapazitäten muss das Bundesland nun verstärkt Strom importieren – eine Situation, die durch den gleichzeitigen Widerstand gegen den Windkraftausbau in Bayern verschärft wurde.

Technisch wäre eine Reaktivierung der kürzlich abgeschalteten Kraftwerke grundsätzlich möglich, aber der Weg dorthin ist mit erheblichen Hürden verbunden:

  1. Zunächst müsste die Bundesregierung das Atomgesetz ändern, in dem der Rückbau der Kraftwerke festgeschrieben ist.
  2. Die Firmen, die für den Rückbau verantwortlich sind und entsprechende Genehmigungen besitzen, müssten überzeugt werden, diese fallen zu lassen – was zu rechtlichen Auseinandersetzungen führen könnte.
  3. Ein neuer Betreiber müsste gefunden werden, da die ehemaligen Energiekonzerne (RWE, EnBW) eine Wiederaufnahme des Betriebs wirtschaftlich nicht für sinnvoll halten und dazu nicht bereit sind. Der RWE-Chef bezeichnete dies als „sehr unrealistisch“, während der EnBW-Chef den Rückbaustatus als „irreversibel“ ansieht.
  4. Der Rückbau der Anlagen ist teilweise schon im Gange, und für eine Wiederinbetriebnahme müssten demontierte Teile ersetzt werden. Zudem müsste die IT- und Sicherheitsinfrastruktur erneuert werden, da geplante Modernisierungen nach 2010 aufgrund des Atomausstiegs gestrichen wurden.
  5. Die periodische Sicherheitsüberprüfung (PSÜ), die alle 10 Jahre stattfindet und zuletzt 2009 durchgeführt wurde, wäre überfällig und müsste nachgeholt werden.
  6. Nicht zuletzt herrscht aufgrund des Atomausstiegs ein Fachkräftemangel. Die entsprechenden Ausbildungsgänge existieren nicht mehr und müssten wiederbelebt werden. Allein die Schulungszeit für neue Fachkräfte würde voraussichtlich 2-3 Jahre in Anspruch nehmen.

Die geschätzten Kosten für eine Reaktivierung liegen bei 1-3 Milliarden Euro pro Reaktor, abhängig vom Rückbaustand. Ob sich diese Investition rechnen würde, ist unklar. Die Stromgestehungskosten für abgeschriebene Kernkraftwerke sind zwar niedrig, aber die hohen Anfangsinvestitionen für die Reaktivierung könnten diesen Vorteil zunichtemachen.

Zeitlich betrachtet würde der gesamte Prozess etwa 3-4 Jahre dauern – bis dahin stünde möglicherweise schon wieder eine Bundestagswahl an, die zu einer erneuten Änderung der energiepolitischen Ausrichtung führen könnte.

Zeithorizont für Neubauten

Deutschland hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis 2045 treibhausgasneutral zu sein. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob in dem verbleibenden Zeitrahmen der Neubau von Kernkraftwerken eine realistische Option darstellt.

Die durchschnittliche reine Bauzeit für die 37 bisher in Deutschland errichteten Atomkraftwerke betrug 7,1 Jahre. Berücksichtigt man jedoch den gesamten Prozess einschließlich Planung und Genehmigung, verlängert sich dieser Zeitraum erheblich. Eine Berechnung eines Schweizer Physikers kam zu dem Ergebnis, dass die Planung und der Bau eines neuen Atomkraftwerks in der Schweiz selbst unter idealen Bedingungen rund 11,5 Jahre in Anspruch nehmen würde.

Theoretisch wäre es also möglich, bis zum Zieljahr 2045 neue Kernkraftwerke in Deutschland zu errichten. Diese langfristige Option bietet jedoch keine Lösung für die aktuellen Herausforderungen der Energieversorgung. Da die Entscheidung für einen Neubau heute getroffen werden müsste, die ersten Kraftwerke aber frühestens Mitte der 2030er Jahre ans Netz gehen könnten, bleibt die Frage, wie die Energieversorgung in der Zwischenzeit sichergestellt werden soll.

Zudem müsste eine solche Entscheidung von einem breiten politischen Konsens getragen werden, um Investitionssicherheit für die beträchtlichen Kosten zu gewährleisten. Angesichts der aktuellen politischen Landschaft in Deutschland erscheint ein solcher Konsens unwahrscheinlich.

Klimabilanz der Kernkraft

Im Kontext der Klimakrise ist die CO₂-Bilanz verschiedener Energieträger ein entscheidendes Kriterium. Die Kernenergie schneidet in dieser Hinsicht bemerkenswert gut ab, was sie für einige zu einer attraktiven Option im Kampf gegen den Klimawandel macht.

Eine Bewertung auf Basis des Ausstoßes von CO₂-Äquivalenten über den gesamten Lebenszyklus verschiedener Energiequellen zeigt, dass Kernenergie im Vergleich zu fossilen Energieträgern sehr geringe Emissionen verursacht. Mit etwa 3 Tonnen CO₂-Äquivalenten pro erzeugter Gigawattstunde Strom liegt die Kernkraft im selben Bereich wie Wind- und Solarenergie.

Zum Vergleich: Kohlekraftwerke verursachen mit 820 Tonnen CO₂-Äquivalenten für die gleiche Strommenge mehr als das 270-fache an Emissionen. Damit zählt die Kernenergie eindeutig zu den emissionsärmsten Formen der Stromerzeugung.

Die CO₂-Emissionen eines Kernkraftwerks entstehen hauptsächlich in zwei Phasen: Etwa ein Drittel der Gesamtemissionen entfällt auf die Bauphase, was angesichts der enormen Mengen an benötigtem Beton und anderen Materialien plausibel erscheint. Etwa 50% der Emissionen entstehen bei der Aufbereitung des Urans – der Extraktion aus dem Erz, der Anreicherung und der Vorbereitung.

Die Uranaufbereitung ist energieintensiv, weil das geförderte Erz nur einen sehr geringen Anteil an verwertbarem Material enthält: In einer Tonne Uranerz sind typischerweise nur 0,1% Uran enthalten, und von diesem Uran sind wiederum nur 0,7% spaltbares Uran-235. Das bedeutet, dass eine Tonne Uranerz im Durchschnitt nur etwa 7 Gramm spaltbares Material enthält.

Trotz dieses Aufwands ist die Klimabilanz der Kernkraft über die letzten Jahrzehnte positiv. Die weltweite Nutzung der Kernenergie hat dazu beigetragen, etwa 460 Gigatonnen CO₂-Äquivalente einzusparen, sofern der Strom sonst durch fossile Energieträger produziert worden wäre. Dies entspricht einer Ersparnis von etwa 5% der globalen Emissionen in diesem Zeitraum – eine nicht zu vernachlässigende Größenordnung.

Diese günstigen Klimaeigenschaften machen die Kernenergie für einige Klimaschützer zu einer ernstzunehmenden Option im Energiemix der Zukunft, während andere auf die Risiken und Kosten verweisen und ausschließlich auf erneuerbare Energien setzen wollen.

Sicherheit und gesundheitliche Auswirkungen

Die Sicherheit von Energieträgern lässt sich durch ihre Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit quantifizieren. Eine Metrik dafür ist die Einheit DALY (Disability-Adjusted Life Years), die sowohl den Verlust an gesunden Lebensjahren durch Krankheit als auch durch vorzeitiges Ableben erfasst.

Ein Bericht der Internationalen Atomenergiebehörde hat die gesundheitlichen Auswirkungen verschiedener Stromerzeugungsmethoden verglichen. Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild: Mit Ausnahme der Biomasse haben erneuerbare Energien die geringsten Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit – noch geringer als die Kernenergie. Diese wiederum schneidet deutlich besser ab als fossile Energieträger wie Kohle und Gas.

Pro produzierter Terawattstunde aus Atomkraft gehen weltweit etwa 60 Lebensjahre verloren. Zum Vergleich: Bei Kohlekraftwerken ist dieser Wert um ein Vielfaches höher. Dies macht fossile Energieträger zu den „absoluten Killern“, die global für zahlreiche Erkrankungen und vorzeitige Todesfälle verantwortlich sind.

Interessanterweise schneiden Technologien mit Carbon Capture and Storage (CCS) in dieser Metrik schlechter ab als ihre konventionellen Pendants. Dies liegt daran, dass CCS zusätzliche Energie benötigt, wodurch weitere Schadstoffe anfallen, und teils giftige Chemikalien bei der Abscheidung verwendet werden. Zudem muss das abgeschiedene CO₂ transportiert und gespeichert werden, was die Gesundheitsbilanz verschlechtert.

Diese Zahlen verdeutlichen, dass der Ausstieg aus fossilen Energieträgern aus gesundheitlicher Perspektive höchste Priorität haben sollte, unabhängig davon, ob der Ersatz durch Kernkraft oder erneuerbare Energien erfolgt.

Uranressourcen und -herkunft

Die Reichweite der verfügbaren Uranressourcen ist ein weiterer Aspekt, der bei der Bewertung der Kernenergie als langfristige Energiequelle berücksichtigt werden muss. Wie bei fossilen Brennstoffen sind auch die Uranvorkommen endlich, doch über die genaue Reichweite herrscht Uneinigkeit.

Die Schätzungen zur Reichweite des Urans variieren erheblich zwischen 60 und 250 Jahren. Diese große Spanne erklärt sich durch verschiedene Annahmen und Faktoren, die in die Berechnungen einfließen.

Ein wesentlicher Faktor ist der Uranpreis: Je höher er steigt, desto wirtschaftlicher wird die Erschließung neuer, weniger ergiebiger Vorkommen. Allerdings erhöhen höhere Uranpreise auch die Stromgestehungskosten der Kernkraftwerke, wenngleich der Brennstoff nur etwa 5-12% der Gesamtkosten ausmacht.

Die Technologie spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. Sogenannte Brutreaktoren könnten die Reichweite der Uranressourcen erheblich verlängern, da sie nicht-spaltbares Uran-238 nutzen können, das 99,3% des natürlichen Urans ausmacht. Zusätzlich können sie neuen Brennstoff für Leichtwasserreaktoren erzeugen. Allerdings sind Brutreaktoren derzeit technisch aufwendig und unwirtschaftlich – nur drei von weltweit 438 Atomkraftwerken arbeiten nach diesem Prinzip.

Noch weitergehende technologische Entwicklungen könnten Uran aus bisher unzugänglichen Quellen gewinnen, etwa aus dem Meerwasser. Diese Methoden sind jedoch aktuell noch technisch anspruchsvoll und wirtschaftlich nicht darstellbar.

Optimistische Szenarien, die von Befürwortern der Kernenergie stammen, gehen von Reichweiten bis zu mehreren hundert Millionen Jahren aus, wenn eine Kombination aus Brutreaktoren und alternativen Uranquellen genutzt würde. Solche Zahlen sind jedoch hochspekulativ und setzen zahlreiche noch nicht realisierte technologische Durchbrüche voraus.

Zu beachten ist auch, dass ein verstärkter Ausbau der Kernenergie den Uranverbrauch erhöhen und damit die Reichweite der Vorkommen verringern würde – ähnlich wie verstärkter Konsum fossiler Brennstoffe deren Erschöpfung beschleunigt.

Die Herkunft des Urans stellt einen weiteren kritischen Aspekt dar. Die globale Uranförderung ist stark konzentriert: Nur fünf Länder fördern 85% des weltweiten Urans. Diese Konzentration schafft potenzielle Abhängigkeiten und geopolitische Risiken.

Besonders hervorzuheben ist die Rolle Russlands, genauer des russischen Staatskonzerns Rosatom. Dieser verfügt über 46% der weltweiten Urananreicherungskapazität – ein entscheidender Schritt in der nuklearen Brennstoffkette. Selbst die USA importierten 2023 noch 14% ihres Urans aus Russland, planen jedoch bis 2028 aus diesen Importen auszusteigen.

Darüber hinaus ist Rosatom weltweit führend im Bau von Kernkraftwerken mit einem Anteil von 70% am globalen Exportmarkt für Reaktoren. Diese dominante Stellung eines einzelnen, staatlich kontrollierten Konzerns aus einem geopolitisch problematischen Land wirft Fragen bezüglich der Versorgungssicherheit und strategischen Unabhängigkeit auf.

Endlagerung: Eine Million Jahre Sicherheit

Die Endlagerung radioaktiver Abfälle bleibt eine der größten ungelösten Herausforderungen der Kernenergie. Bei der Nutzung abgebrannter Brennstäbe entstehen neben Plutonium weitere radioaktive Stoffe, die aufgrund ihrer Strahlung eine potenzielle Gefahr für Mensch und Umwelt darstellen und daher sicher gelagert werden müssen.

Deutschland hat sich zum Ziel gesetzt, nicht nur einen geeigneten, sondern den bestmöglichen Standort zu finden, der dauerhaften Schutz für eine Million Jahre gewährleisten soll. Dieser extrem lange Zeitraum – mehr als dreimal so lang wie die gesamte Existenz des Homo sapiens – stellt beispiellose Anforderungen an die technische und geologische Planung. Zum Vergleich: Andere Länder planen ihre Endlager für „nur“ etwa 100.000 Jahre.

Der Prozess der Standortsuche in Deutschland ist methodisch und umfassend. Im Jahr 2020 wurden bereits 90 Gebiete, die 54% der Fläche Deutschlands ausmachen, als potenziell geeignet eingestuft. Für diese Gebiete laufen derzeit repräsentative vorläufige Sicherheitsuntersuchungen. Anschließend folgen über- und untertägige Untersuchungen, um den bestmöglichen Standort zu ermitteln. Deutschland plant, bis 2050 ein Endlager gefunden zu haben.

Andere Länder sind in diesem Prozess bereits weiter fortgeschritten. Finnland hat früher mit der Endlagersuche begonnen und nach Jahren intensiver Untersuchungen einen Standort gefunden. Schweden hingegen hat einen anderen Ansatz gewählt: Das Land akzeptierte freiwillige Bewerbungen von Gemeinden, die als Ausgleich finanzielle Unterstützung erhielten. Dies beschleunigte den Prozess erheblich, wird jedoch von Umweltorganisationen wie Greenpeace und den schwedischen Grünen aufgrund von Sicherheitsbedenken kritisiert.

Die Endlagerproblematik verdeutlicht ein fundamentales Dilemma der Kernenergie: Die Technologie erzeugt Abfälle, die über Zeiträume sicher verwahrt werden müssen, die jenseits menschlicher Planungshorizonte liegen. Diese langfristige Verantwortung ist ein gewichtiges Argument in der ethischen Debatte um die Kernkraft.

Fazit

Die Kernkraft-Debatte in Deutschland ist vielschichtig und komplex. Eine sachliche Betrachtung zeigt, dass einfache Antworten dieser Komplexität nicht gerecht werden. Die Entscheidung für oder gegen Kernkraft sollte auf einer gründlichen Abwägung verschiedener Faktoren basieren:

Der deutsche Atomausstieg war kein spontaner politischer Akt, sondern das Ergebnis eines über zwei Jahrzehnte andauernden Prozesses mit verschiedenen politischen Akteuren. Entgegen häufiger Darstellungen stellt Deutschland mit seinem Ausstieg keinen Sonderweg dar – weltweit nutzen nur 16,4% der Länder Kernkraft.

Die Integration von Kernkraft in ein zunehmend auf erneuerbaren Energien basierendes System ist technisch möglich, aber wirtschaftlich herausfordernd. Die zentralistische Struktur der Kernenergie steht im Kontrast zur dezentralen Natur erneuerbarer Energien.

Die Kosten der Kernkraft sind schwer zu kalkulieren und hängen von zahlreichen Faktoren ab. Besonders relevant ist der Unterschied zwischen Neubauten (13,6-49 Cent/kWh) und abgeschriebenen Kraftwerken (etwa 2,36 Cent/kWh).

Eine Reaktivierung bestehender deutscher Kraftwerke wäre technisch möglich, aber mit erheblichen rechtlichen, wirtschaftlichen und personellen Hürden verbunden. Neubauten könnten theoretisch bis 2045 realisiert werden, bieten aber keine Lösung für aktuelle Energieprobleme.

Die Klimabilanz der Kernkraft ist mit 3 Tonnen CO₂-Äquivalenten pro Gigawattstunde vergleichbar mit erneuerbaren Energien und deutlich besser als fossile Energieträger. Auch aus gesundheitlicher Perspektive schneidet Kernkraft besser ab als fossile Energien, jedoch schlechter als die meisten Erneuerbaren.

Die Uranversorgung ist mittelfristig gesichert, aber langfristig von technologischen Entwicklungen und Preisen abhängig. Die Konzentration der Uranförderung und -anreicherung auf wenige Länder, besonders Russland, schafft potenzielle Abhängigkeiten.

Die Endlagerung radioaktiver Abfälle für eine Million Jahre bleibt eine ungelöste Herausforderung und wirft ethische Fragen zur Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen auf.

Die spezifischen Gegebenheiten des jeweiligen Landes – von geografischen und geologischen Bedingungen über wirtschaftliche Strukturen bis hin zu politischen Prioritäten – sollten bei energiepolitischen Entscheidungen berücksichtigt werden. Pauschale Urteile werden der Komplexität dieses Themas nicht gerecht.

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